Nakshatra-Herrscher

Jeder der neun Planeten (navgraha) regiert drei Nakshatras, d.h. auch die Mondknoten Rahu und Ketu agieren als Nakshatra-Regenten.

Traditionell beginnt die Zählung der 27 Nakshatra mit Ashvini, das vom südlichen Mondknoten Ketu beherrscht wird. Weitere Ketu-regierte Konstellationen sind Magha und Mula. Durch Ketus Regentschaft über diese drei Nakshatras werden schicksalshafte Qualitäten zum Ausdruck gebracht, deren Ziel Moksha ist: die endgültige spirituelle Befreiung, die Er-Lösung des endlosen Zyklus von Geburt, Tod und Wiedergeburt (Samsara).

Es folgen die von Venus beherrschten Nakshatras Bharani, Purva Phalguni und Purva Ashadha. Venus gilt in der indischen Astrologie als Wohltäter (Saumya Graha). Sie ist Daityaguru, Lehrer der Daityas. Daityas gehören zu den Dämonen (Asuras) und haben Ähnlichkeit mit den Giganten der griechischen Mythologie. Venus ist sich in dieser Position der dunklen und schwierigen Seiten ebenso bewusst wie der hellen und guten Aspekte des Lebens. Sie weiß, wie wir uns in diesem Spannungsfeld am besten bewegen können, welche Position wir einnehmen sollten, wie wir uns für den besten Weg entscheiden können. Sie geht dabei pragmatisch vor und weiß, wie mit Schwierigkeiten und Konflikten diplomatisch umgegangen werden kann.

Den Venus-Nakshatras ist eine „grimmige“ (ugra) Natur eigen, was europäische Astrologen verwundern mag, die in Venus in der Regel nur das Schöne, das Ästhetische und Ausgleichende erkennen möchten. Venus ist aus indischer Sicht in ihrer Qualität leidenschaftlich und schonungslos, wie auch die ihr zugeordneten Nakshatras, denn das Guna Rajas motiviert sie ständig zu Handlungen. Venus, die selbst als Planet bereits von diesem Guna in ihren Aktivitäten motiviert wird, erlebt sich als die Handelnde, die aktiv wird, um positive Entwicklungen anzustoßen oder Probleme zu bewältigen und zu lösen.

Krittika, Uttara Phalguni und Uttara Ashadha werden von der Sonne regiert. Sie nimmt in der indischen Astrologie eine zentrale Stellung ein, denn sie ist Karaka (Signifikator) für Sarva-Atman, für das „höhere Selbst“ (die unsterbliche Seele), das gemäß Advaita Vedanta eins ist mit Brahman, der universellen Seele (Weltseele). Sie gilt als natürlicher Übeltäter (Malefic, Krura Graha), denn sie bringt auf der materiellen Ebene, auf der Maya herrscht, Trennung mit sich, die notwendig ist, um dieses Selbst in sich finden zu können. Das vorherrschende Guna in den von der Sonne beherrschten Nakshatras ist Sattva, „das Seiende, Wahre“, auch „Klarheit, Harmonie“, womit zum Ausdruck kommt, dass die Trennungen, die die Sonne „erzeugt“ (die eigentliche Bedeutung des Begriffes Karaka), Erkenntnis und Erlösung zum Ziel haben.

Es folgen die Nakshatras Rohini, Hasta und Shravana, die vom Mond beherrscht werden. Der Mond steht in der indischen Astrologie für Manas, das die Welt „reflektierende Bewusstsein“. Häufig wird Manas in der deutschsprachigen Literatur mit „Geist“ übersetzt – ein mehrdeutiger Begriff der deutschen Sprache, der den Kern der Sache in Bezug auf die Bedeutung des Mondes nicht wirklich trifft. Eine mögliche Definition: er ist das Bewusstsein im Sinne dessen, was über die Dinge nachdenkt und nachfühlt. Der Mond fühlt nicht nur, er denkt auch, er ist das Gemüt, das „abhängige, nachdenkende, meist konditionierte Bewusstsein“ (David Frawley). Oder auch: „das meinende Selbst“, in Anlehnung an die Ausführungen eines Kommentars zum Yogasutra des Patanjali von R. Sriram.

Für den Mond haben die 27 Nakshatras eine besondere Bedeutung, denn er durchwandert jeden Tag ein neues. In der indischen Mythologie sind die 27 Nakshatras die Töchter des Daksha und sie alle wurden dem Mondgott Chandra (Soma) zur Ehe gegeben. Chandra bevorzugte Rohini vor allen anderen, weshalb die anderen eifersüchtig wurden und sich bei ihrem Vater Daksha beschwerten. Als dessen Einspruch bei Chandra keine Wirkung erzielte, verfluchte er den Mond, er solle abmergeln. Da bekamen die 27 Töchter Mitleid und baten um Gnade für Chandra. Daksha konnte den Fluch nicht mehr rückgängig machen, aber abschwächen, so dass der Mond seitdem 14 Tage lang abnimmt und dann wieder 14 Tage lang zunimmt. Seine Nakshatras beziehen sich unmittelbar auf das „reflektierende Bewusstsein“ und geben Auskunft darüber, was im Bewusstsein des Menschen vor sich geht. Ihnen ist das Guna Rajas gemeinsam. Rajas treibt den Geist an, lässt ihn rastlos die Welt der Objekte mit seinen Sinnesfunktionen abtasten und erzeugt „mit Leidenschaft das, was Leiden schafft“.

Mrigashira, Chitra und Dhanishtha werden von Mars beherrscht. Er repräsentiert Schwierigkeiten und Probleme, die zum Handeln herausfordern, damit sie gelöst oder überwunden werden. Mars ist immer bemüht zu gewinnen, das durchzusetzen, was er für richtig hält. Auf mentaler Ebene, um die es bei den Nakshatras im Wesentlichen geht, befähigt Mars das Bewusstsein, Fehler, Probleme und Unstimmigkeiten zu erkennen und zu beseitigen, damit wieder positive Entwicklungen möglich sind.

Es folgen die Nakshatra Ardra, Svati und Shatabishak, die von Rahu, dem nördlichen Mondknoten beherrscht werden. Ihnen ist eine besondere Dynamik eigen. Gemeinsames Thema ist Veränderung, die Rahu erzwingt, damit einseitige Übergewichte im menschlichen Bewusstsein ausgeglichen werden können. Diese Nakshatras liegen den vom absteigenden Mondknoten Ketu regierten Nakshatras gegenüber. Der Beginn des Nakshatra Ardra wird durch das gegenüberliegende Galaktische Zentrum definiert, das in der Mitte des Nakshatra Mula unter der Herrschaft Ketus steht. Deshalb haben die sechs Nakshatras, die von den Mondknoten regiert werden, eine besondere „karmische“ Bedeutung in der Entwicklung des Bewusstseins.

Jupiter regiert die Nakshatras Punarvasu, Vishaka und Purva Bhadrapada. Sein planetarer Einfluss verleiht diesen Konstellationen eine spirituelle Orientierung. Jupiter, der Guru der Devas (Lehrer der Götter) vermittelt Weisheit, Optimismus und Glück und gibt dem Leben Sinn.

Den von Saturn regierten Nakshatras Pushya, Anuradha und Uttara Bhadrapada ist eine gewisse Schicksalshaftigkeit gemeinsam, denn Saturn ist in der indischen Astrologie der „Schicksalsplanet“. In diesen Nakshatras geht es um wichtige spirituelle Themen, die mit Ernsthaftigkeit, Vervollkommnung und Perfektion zusammenhängen und einen harmonischen, friedvollen Zustand erreichen wollen.

Gemeinsames Thema der von Merkur regierten Nakshatra sind Übergänge. Die 27 Nakshatras werden in drei Gruppen (Pariyaya) von jeweils neun Nakshatra unterteilt. Die Reihenfolge der Herrscherplaneten dieser neun Nakshatras wiederholt sich innerhalb der drei Gruppen wie folgt:

Ketu – Venus – Sonne – Mond – Mars – Rahu – Jupiter – Saturn – Merkur

Merkur beherrscht das letzte Nakshatra einer Gruppe, und es folgt ihm stets ein Ketu-Nakshatra, mit dem ein neues Pariyaya beginnt. In der griechischen Mythologie galt Hermes (das griechische Pendant zum römischen Gott Merkur) als Psychopompos, der die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits geleitet, dem großen Übergang vom Leben zum Tod.