Kurt Tucholsky

„Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele“

„Nähme man den Zeitungen den Fettdruck
– um wieviel stiller wäre es in der Welt -!“

Kurt Tucholsky war einer der bedeutendsten deutschen Gesellschaftskritiker und Satiriker zwischen den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. In seinen Essays zeichnete er ein scharfsinniges, humorvolles und ironisches Bild der Deutschen und der autoritätsgläubigen Gesellschaft der Weimarer Republik. Er klagte vehement gegen Machtmissbrauch und Militarismus, und sein Ausspruch „Soldaten sind Mörder!“ im Jahre 1931 ist heute noch heftig umstritten. Darüber hinaus war er tätig als Journalist, Literatur- und Theaterkritiker, als Erzähler, Lyriker und Chanson-Schreiber. Nach seinem Tode im November 1935 charakterisierte man ihn als einen „Schriftsteller von ungewöhnlicher Begabung; unerschöpflich an Einfällen; ein kluger Humorist; ein Satiriker von Format und – ein Kämpfer für die ewigen Menschenrechte, deren Schicksal es ist, ewig mit Füßen getreten zu werden.“

Grundhoroskop

Tucholskys Biograph Michael Hepp nennt als Geburtsdatum den 9. Januar 1890 um 18:45 Uhr in der Lübecker Straße 13 in Berlin-Moabit. Das Aspektbild weist durch das Fünfeck und zwei Strichfiguren auf eine fixe und kardinale Lebensgrundmotivation – das Streben nach einer besseren Welt, einem harmonischen Endzustand, die Suche nach dem Paradies und der Wunsch, dieses Ziel mit allen Mitteln zu erreichen, Impulse setzen, Dinge in Bewegung bringen. Die Mehrzahl der Aspektlinien auf der ICH-Seite beziehen vieles auf das eigene Ich, die Welt wird an den eigenen Vorstellungen gemessen, bewertet und beurteilt. Hier herrsche ICH, und oft scheut man mit vielen Aspekten und Planeten tiefere Kontakte zu anderen Menschen aus Angst vor Verletzung dieses Innenraumes.

Das Aspektbild ist weiträumig und umspannt großzügig den innersten Kreis. Ein Teil ist allerdings vom Bewusstsein abgespalten und führt ein Eigenleben (Sonne/Jupiter), andere Komponenten sind nur angehängt (Venus und Uranus). Das Fünfeck besteht aus einer Trapez-Figur (Doppler-Viereck) mit den Planeten Neptun/Pluto, Merkur, Mars und Saturn, mit dem gerne weiträumige und stabile Denkgebäude aufgebaut werden. An eine rote Konfliktseite (Saturn Quadrat Neptun) ist noch mit dem Mondknoten ein Lerndreieck im 4. Quadranten der bewussten Selbst-Betrachtung angeheftet. Nach rechts zur DU-Seite wirkt das Fünfeck ambivalent rot-blau, auf der linken Seite ist das Selbstverständnis jedoch nach außen friedliebend und entspannt = grün-blau, obwohl innen drin ein starker roter Spannungsherd versteckt ist (Mond/Saturn Quadrat Neptun/Pluto). Sonne/Jupiter wollen ganz eigene Wege gehen, Venus gleich nebenan fühlt sich am Talpunkt 5 am absteigenden Mondknoten wahrscheinlich nicht genug beachtet. Uranus versucht über seinen einzigen direkten Zugang zum Mond Einfluss zu nehmen.

Kindheit und Jugend im Spiegel des Familienmodells

Die Sonne in Konjunktion zu Jupiter steht losgelöst im Schattenbereich der 6. Häuserspitze im Steinbock. Ein expansives und optimistisches Selbstbewusstsein, das unabhängig von anderen Bewusstseinsfaktoren Entscheidungen treffen könnte.

Tucholskys Vater Alex starb bereits im November 1905, kurz vor Kurts 16. Geburtstag. Der AP stand im 3. Haus in der Waage am Talpunkt kurz vor dem Übergang über Uranus. Kurt liebte und verehrte seinen Vater, ein erfolgreicher jüdischer Bankkaufmann. Der frühe Verlust des Vaters muss Kurt sehr getroffen haben, und er war in seinem späteren Leben immer wieder auf der Suche nach einem „Vater-Ersatz“. Noch kurz vor seinem eigenen Tod schrieb er, wie fast unerträglich es für ihn war, „dass ein so wertvoller Mann wie Papa sterben musste, als er an der Schwelle der Ernte seines Lebens war“.

Mond und Saturn stehen in Konjunktion zwischen Invert- und Talpunkt des ersten Hauses an der Zeichengrenze Löwe/Jungfrau und sind rot-blau aspektiert (Mond Quadrat Neptun und Sextil Uranus, Saturn Quadrat Neptun/Pluto, Sextil Mondknoten und Sextil Mars).

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Die Ehe der Eltern Tucholsky war schwierig, der gutmütige Vater konnte sich offensichtlich nicht ausreichend gegen seine dominante Frau Doris durchsetzen. Die Beziehung zur Mutter erlebten Kurt Tucholsky und seine beiden jüngeren Geschwister als äußerst gespannt und schmerzhaft. Die Schwester Ellen beschreibt die Mutter als herrschsüchtig, brüllend, eine hysterische Tyrannin, die jedoch nach außen den Schein einer heilen Welt aufrecht erhalten will. Liebe, Zärtlichkeit und Angenommensein haben die drei Kinder Kurt, Ellen und der jüngere Bruder Fritz anscheinend nicht erleben dürfen. Es herrschte eine bedrückende Atmosphäre der Angst und Aggression im Elternhaus der Tucholskys.

Häuserhoroskop

Das beinahe hasserfüllte Verhältnis Kurt Tucholskys zu seiner Mutter können wir bei näherer Betrachtung der Mond/Saturn-Konjunktion nachvollziehen. Zeigt die Konjunktion an sich auf ein enges und damit auch schwieriges Verhältnis, eigentlich eine symbiotische Mutter-Kind-Beziehung hin, so wird diese immer wieder gestört durch den Graben der Zeichengrenze Löwe/Jungfrau sowie angegriffen durch Neptun/Pluto im Quadrat, sozusagen als „höhere Gewaltausbrüche“, die das Kind Kurt nicht verstehen, nachvollziehen oder verarbeiten kann. Es bleibt eine tiefe seelische Wunde, Ängste und Misstrauen, eine verzweifelte Suche nach Nähe und Liebe und doch immer wieder die Flucht vor einer zu tiefen und engen Begegnung mit einem anderen Menschen aus Angst, das Kindheitstrauma ein weiteres Mal erleben zu müssen. Die losgelöste Sonne/Jupiter-Konjunktion bot in der frühen Kindheit offensichtlich wenig Möglichkeiten der Triangulierung an, das heißt ausreichender alternativer Beziehungserfahrungen, zum Beispiel mit dem Vater. Auch im Häuserhoroskop bildet die Sonne/Jupiter-Konjunktion mit Uranus eine eigene Strichfigur, die mit dem restlichen Aspektbild nicht verbunden ist.

Das Sextil von Uranus zum Mond im Radix erscheint vielleicht als ein „bequemer“ Ausweg: Ausbrechen aus der psychischen Enge der Mutterbeziehung und eine Hinwendung zum Neuen, zu Fortschritt und Freiheit, zur „aufbegehrenden Opposition“. Uranus selbst steht in Waage nach dem Talpunkt des 3. Hauses im Kollektiv-Raum, Mars direkt am IC im Zeichen Skorpion, beide Planeten in Aspektverbindung zu Mond/Saturn. Entsprechend beschreibt Kurt Tucholsky: „Die Familie umschließt wie ein Käfig. Diese Brutwärme der Liebe, die das gehegte Wesen zu Tode drückt, aber keineswegs gestatten will, dass es in Freiheit aufblüht, dieser Backofen des Egoismus mit dem falschen Vorzeichen.“

Schulzeit und Studium

„Erfahrungen vererben sich nicht,
jeder muss sie alleine machen.“

Der Vater legt besonderen Wert auf eine liberal-humanistische Erziehung seines Sohnes. Sehr fleißig ist Kurt allerdings nicht in der Schule, er fällt eher durch Schwatzen und Späße machen auf. Ein Mitschüler erinnert sich an Tucholsky als „ein fröhlicher Kamerad und ein rechter Rebell, den wir gerade dann am ernstesten nahmen, wenn er uns zum Lachen brachte. Ein guter Schüler war er gewiss nicht und uns doch allen an Geist überlegen“.

Uranus und Mars nahe dem IC zeigen eine nonkonfirmistisch-kämpferische Einstellung dem Kollektiv gegenüber an. Tucholsky selbst empfand seine Schulzeit um die Jahrhundertwende als sinnlose Quälerei und vergeudete Zeit, während der Kaisertreue und Militarismus den Lehrern wichtiger waren als humanistische oder ethische Grundwerte: „Was hat man uns den gelehrt -? Was hat man uns beigebracht -? Nichts. Nicht einmal richtig denken, nicht einmal richtig sehen, richtig gehen, richtig arbeiten – nichts, nichts, nichts.“

Kurt erkennt bald, dass in der wilhelminischen Vorkriegszeit die Erziehung zu Gehorsam und Autoritätsgläubigkeit Leitbild ist und daher die Unterdrückung von Phantasie und „Eigen-Sinn“ impliziert. Er wehrt sich in der Jugend mit Verweigerung, Spott und Wut. Doch im Laufe seines Lebens erkennt er auch: „Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“

Nach dem Abitur beginnt Tucholsky mit 19 Jahren das Studium der Rechtswissenschaften – er will Verteidiger werden. Doch schon im November 1907, beim AP-Quincunx zu Neptun, während des Anzündens der großen Fünfeck-Figur, veröffentlicht er in der Wochenbeilage des „Berliner Tageblatts“ zwei kleine Arbeiten: „Märchen“ und „Vorsätze“. Der Universitätsbetrieb macht ihm Mühe, die Professoren, die in ihrer kaisertreuen Gesinnung durch viele öffentliche Ämter stark in das vorherrschende System eingebunden sind, lehnt er ab: „Der Staat ist mächtig, allmächtig, heilig, verehrenswert, Ziel und Zweck der Erdumdrehung – der Staat ist überhaupt alles. Und vor allem: er trägt vor niemand eine Verantwortung!“

Merkur in Wassermann im Trigon zu Neptun/Pluto ist in seinem Denken seiner Zeit weit voraus. In Wassermann finden wir viel Originalität und Schlagfertigkeit, die Verbindung zu Neptun verleiht Phantasie und die Fähigkeit, intuitiv zu erfassen, was in anderen Menschen vorgeht. Es gelingt ihm leicht, dies in für andere leicht verständliche, originelle und humorvolle Worte zu fassen um es so an ein Publikum oder eine Zuhörerschaft zu kommunizieren. Der Aspekt zu Pluto intensiviert Merkur in seiner Ausdrucksweise, das Denken will auf den Grund der Dinge gehen, alles ganz genau wissen und hinter die geheimen Wünsche und Motivationen der Menschen schauen. Das Quadrat Merkur/Mars zeigt eine kraftvolle und vehemente Ausdrucksweise an, ein Kämpfen mit Worten, das von den anderen nicht immer positiv aufgenommen werden dürfte, denn Merkur steht am Talpunkt des 6. Hauses. Hier finden wir den Kritiker Tucholsky, der mit kurzen, prägnanten und doch unter die Haut gehenden Worten das Wesentliche anprangert, doch immer auch mit einer Prise Humor vermischt.

„Deutschland ist eine anatomische Merkwürdigkeit.
Es schreibt mit der Linken und tut mit der Rechten.“

„Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen:
eine, wenn’s ihm gut geht, und eine, wenn’s ihm schlecht geht.
Die letztere heißt Religion.“

Der Schriftsteller

Mit 21 Jahren beginnt die eigentliche schriftstellerische Laufbahn Kurt Tucholskys. In der Zeitschrift „Vorwärts“ erscheint sein erster Artikel (AP-Ingress in Schütze im 4. Haus). Er entdeckt mehr und mehr den Spaß an der Formulierung und entwickelt sich später allmählich zu einem der brillantesten Autoren der Weimarer Republik. Vor allem korrupte Spießer, Betrüger, schikanierende Beamte und freche Schwindler, die nicht nur andere sondern auch sich selbst belügen, nimmt er aufs Korn. Er schreibt Feuilletons, Glossen und Satiren.

Im Sommer 1911, während des AP-Quincunx zum Mondknoten und des Quadrats zu Saturn, verbringt er einen kurzen Sommerurlaub mit seiner Freundin, der Medizinstudentin Else Weil, dessen literarisches End-Produkt „Rheinsberg“ anschließend im Herbst, während der AP-Opposition zu Neptun/Pluto, ausgearbeitet wird. In diesem kleinen Buch – oberflächlich betrachtet die Geschichte eines jungen Liebespaares, das heimlich ein unbeschwertes Wochenende weitab vom Alltag auf Schloss Rheinsberg verbringt, versammelt Tucholsky auf engstem Raum humorvoll verborgen Kritik am Bürgertum, an der engen und verlogenen Sexualmoral, an den gängigen Erziehungsmethoden und am Militarismus der damaligen Zeit, in welcher der kommende Erste Weltkrieg schon heraufdämmert, ja von vielen regelrecht beschworen wird.

Die Neptun/Pluto-Konjunktion, die der AP während der Entstehungszeit des Büchleins aus der Opposition beleuchtet, thematisiert das Ideal des perfekten Menschen und das Ideal der höchsten Liebe – der geistige Wille verschmilzt mit dem höheren Liebes-Prinzip. Der Talpunkt 10 unterstützt dabei die innere Suche nach dem Leitbild und verhindert, dass die Qualitäten der beiden geistigen Planeten als von außen aufgesetzte Über-Ich-Formen wirken. Die Elevation von Neptun/Pluto – sie stehen im Horoskop am höchsten – deutet auf die große Bedeutung dieser Ideale in der Psyche und im Leben Tucholskys hin. Aspektverbindungen zwischen Neptun und Pluto weisen immer wieder auf Menschen und Generationen mit einer tiefen Sehnsucht nach Frieden hin, und vor diesem Hintergrund erscheint es sehr interessant, dass die Menschen, die während der Neptun/Pluto-Konjunktion geboren wurden (ca. 1889 bis 1896), zwei große Weltkriege miterleben mussten (sofern sie den ersten überleben konnten).

Mit 23 Jahren – der AP in Schütze aspektiert die Sonne/Jupiter-Konjunktion mit einem grünen Halbsextil – begegnet Tucholsky dem Herausgeber der „Schaubühne“ Siegfried Jacobson. Er wird ihm in den nächsten Jahren Lehrer, Berater und Vaterersatz zugleich. Tucholsky lernt schnell und gründlich unter der humorvollen Anleitung Jacobsons, seine Sprache wird plastischer und zielsicherer, er erfasst blitzschnell den Kern einer Sache, reflektiert das Wesentliche oder zeigt die Abgründe hinter der Fassade (Merkur Trigon Neptun/Pluto).

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Tucholsky veröffentlicht in der „Schaubühne“ zahlreiche Artikel, viele davon unter verschiedenen Pseudonymen. Seine Arbeit mit Pseudonymen spiegelt das geteilte Aspektbild bzw. Planetenkombinationen als Ausdruck von Teilpersönlichkeiten innerhalb der Psyche wider: „Ich sah mit ihren Augen, und ich sah sie alle fünf: Ignaz Wrobel, einen essigsauern, bebrillten, blaurasierten Kerl. In der Nähe eines Buckels und roter Haare; Peter Panter, einen beweglichen, kugelrunden, kleinen Mann; Theobald Tiger sang nur Verse, waren keine da, schlief er – und nach dem Kriege schlug noch Kaspar Hauser die Augen auf, sah in die Welt und verstand sie nicht. Eine Fehde zwischen ihnen wäre durchaus möglich.“

Tucholsky selbst erkennt in sich die „Lebenshaltung eines produktiven Schwebezustands, der in jeder Minute des Lebens höchste Aufmerksamkeit voraussetzt, weil ständige Beobachtung der Umwelt und ihrer Reaktionen Hand in Hand gehen muss mit der ebenso ständigen Regulierung der eigenen Beziehung zu ihr wie der daraus resultierenden Spannungen. Die so erzeugte und ständig eingehaltene Distanz vermittelt Überlegenheit, deren Preis freilich die Tendenz zur Einsamkeit ist, der wiederum das Verlangen nach Partnerschaft und Nähe folgt – ein Teufelskreis!“

„Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin.“

Mit Liebesbeziehungen hatte Tucholsky Mühe, wie die Mond/Saturn-Konstellation im Quadrat zu Neptun/Pluto vermuten lässt.

„… wer mehr liebt, der muss mehr leiden…“

Im Gegensatz zur damals überwältigenden Mehrheit ist der Ausbruch des Ersten Weltkrieges für Tucholsky absolut kein Grund zu Freude und Hurrageschrei. Er hört zunächst auf zu schreiben und wird eingezogen. Während des AP-Übergangs über die Kippstelle zwischen Venus und Sonne/Jupiter mit fast 28 Jahren lernt er im November 1917 die damals neunzehnjährige Mary Gerold kennen. Nach anfänglichen Verwicklungen und Missverständnissen entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Mary notierte damals in ihr Tagebuch: „Er hatte einen solchen Hunger nach Zärtlichkeit, die ihm in seiner Kindheit nicht zuteil geworden war.“ Er selbst sah sie nicht nur als „Freundin, sondern auch wie eine Mutter“. Im Frühjahr 1918 wird Kurt allerdings versetzt, die beiden verlieren sich aus den Augen, halten aber ständigen schriftlichen Kontakt und sprechen immer wieder von Heirat.

„Ich sah sie an, und sie gab den Blick zurück:
wir fassten uns mit den Augen bei den Händen.“

Zwei Jahre später – der Krieg ist vorbei – kommt Mary endlich nach Berlin, wo Tucholsky mittlerweile wieder lebt und arbeitet. Das Wiedersehen ist für beide enttäuschend: sie kommt nicht an ihn heran, es ist eine Mauer um ihn herum, er ist ihr fremd. Auch Kurt fühlt: „es ist irgendetwas wie tot – wie erstorben. Es ist keine Verbindung mehr da.“ Der Alterspunkt war mittlerweile aus der Kippstelle herausgewandert, hatte die Konjunktion Sonne/Jupiter passiert und läuft nun im Jahr 1920 auf das Quadrat mit Uranus zu. In einem inkohärenten Aspektbild verlieren wir manchmal die innere Verbindung zu Geschehnissen oder Erlebnissen, die sich in einer Figur ereignet hatten, während der AP bereits wieder in die nächste Figur wechselt.

Tucholsky hatte nach Kriegsende in Berlin wieder Kontakt zu seiner früheren Jugendfreundin Else Weil aufgenommen und nur wenige Wochen nach der endgültigen Trennung von Mary Gerold im Jahr 1920 heiraten er und Else. Die Ehe wird jedoch nach vier Jahren geschieden und im gleichen Jahr heiraten Kurt und Mary Gerold. Nach weiteren vier Jahren (1928) trennen sich Mary und Kurt. All diese Verwicklungen werden verständlich bei Betrachtung der Konjunktion Mond/Saturn im Quadrat zu Neptun/Pluto. Mit Mond/Saturn ist ein freier Gefühlsausdruck erschwert, vergangene Erfahrungen sitzen tief und verunmöglichen meist einen vorbehaltlosen Neuanfang. Es fällt schwer, sich spontan und offen in einer Begegnung (Achse 1/7) oder in einer Liebesbeziehung zu zeigen. Die psychologischen Ursachen liegen sicherlich in der problematischen Beziehung Tucholskys zu seiner Mutter.

Das Quadrat zu Neptun/Pluto intensiviert diese Thematik. Mit Neptun spielt das Ideal der großen Liebe hinein, die immer wieder gesucht wird, doch je greifbarer sie zu sein scheint, umso mehr rückt sie wieder in die Ferne. Entweder legt die Umwelt einer Verbindung Hindernisse in den Weg oder man selbst inszeniert eine Situation, die eine echte Entscheidung unmöglich macht. Ohne das entsprechende Bewusstsein wird aus diesem Mechanismus allerdings ein Teufelskreis, aus dem nur schwer auszusteigen ist.

Venus am absteigenden Mondknoten weist auf ein großes Harmoniebedürfnis hin, das in dieser Form jedoch oft in der Gegenwart nicht erfüllt wird (da es mit den Themen des aufsteigenden Mondknotens unvereinbar erschiene). Im Häuserhoroskop aspektiert Venus das Mond/Saturn Quadrat Neptun/Pluto grün-blau und bietet so eine Handlungs- oder Entscheidungsalternative, die zumindest von der Umwelt suggeriert wird, als wolle Venus aus der Umwelt den Schmerz und die Verletzungen von Mond/Saturn verbinden, verpflastern und trösten.
„Es ist schön, mit jemand schweigen zu können.“

Tucholsky sehnt sich immer nach einem Gegenüber, lässt aber gleichzeitig andere Menschen nicht wirklich an sich heran. Er gibt z.B. allen seinen Freunden und Partnerinnen neue Namen, redet seine Geliebte Mary oft in der 3. Person als „Er“ an und hält die Menschen so auf Distanz. Kommt ihm ein Mensch doch zu nah, zum Beispiel durch den Alltag einer Beziehung, ist das Scheitern bereits vorprogrammiert. Es handelt sich psychologisch formuliert eigentlich um ein unausgewogenes oder mangelndes Nähe-Distanz-Gleichgewicht, das sich oft bei spannungsgeladenen Mond/Saturn-Aspekten finden lässt.

1928, mit 38 Jahren, findet die Beziehungsproblematik einen Höhepunkt, den wir auch im Horoskop nachvollziehen können. Mary Gerold, die wohl größte Liebe seines Lebens, trennt sich im November endgültig von Tucholsky. Sie schreibt ihm einen Abschiedsbrief, den er bis zu seinem Tode in der Brieftasche tragen wird: „Lieber Nungo (Kosename für Tucholsky), immer wieder setzt sich einer seit elf Jahren in den Zug und fährt fort, und immer wieder blutet es von Neuem.“ Der AP erreichte im 7. Haus in Wassermann nach dem IP die Opposition zur Kippstelle zwischen Mond und Saturn.

„… und doch möchte ich, dass es anders wird“

Nach Ende des Ersten Weltkrieges wird Tucholsky wieder schriftstellerisch und zeitweise auch politisch aktiv. Er tritt in die Vorgängerpartei der heutigen SPD ein und kämpft mit scharfer Zunge und spitzer Feder gegen den neu heranwachsenden Militarismus der Weimarer Republik. Er plädiert für Völkerverständigung und -versöhnung und fordert während einer Kundgebung auf einer Antikriegsdemonstration in Berlin im Jahre 1922:

Ihr seid die Zukunft!
Euer ist das Land!
Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!
Wenn ihr nur wollt, ihr seid alle frei!
Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!
– Nie wieder Krieg -!

Unermüdlich schreibt er nun zu Beginn der 20er Jahre gegen das Militär, gegen den zunehmenden Rechtsradikalismus in Deutschland, gegen patriotisch-militaristische Agitation, gegen den Krieg. Ihm ist wichtig, durch permanente Aufklärung aus den machtanbetenden und manipulierbaren Untertanen Deutschlands verantwortungsbewusste Individuen zu machen. Er kämpfte um und für eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins in Deutschland. Die Gesellschaft dankt es ihm mit zahlreichen Strafanzeigen und Prozessen wegen Beleidigung.

Seine Bemühungen sind, wie die Geschichte zeigen wird, nicht von Erfolg gekrönt. Die politische und gesellschaftliche Situation während der Weimarer Republik lässt seine Hoffnungen auf eine grundlegende politische Veränderung auf den Nullpunkt sinken, Deutschland und seine Politik, die Verantwortlichen und die „Untertanen“ scheinen ihn regelrecht anzuekeln. Er zieht sich mehr und mehr zurück, sucht sich eine Stellung in einem Bankhaus und schreibt immer weniger. Er stürzt in eine existentielle Krise, nicht nur materiell, sondern vor allem geistig, was vermutlich im Herbst 1922 in einem Selbstmordversuch gipfelte.

1921 kreuzten sich der Radix- und der Mondknoten-Alterspunkt im 6. Haus, oft eine sehr schicksalsträchtige Zeit, die im Falle Tucholskys das Existenz-Thema (Achse 6/12) schmerzhaft aufrollt. Es folgt der Zeichenwechsel in die Zwillinge mit AP-Trigon zur Neptun/Pluto-Konjunktion, Quincunx zu Mond/Saturn und einem Quadrat zu Mars. 1923 schließlich, während der AP-Konjunktion zu Merkur, erreicht seine Lebens- und Sinnkrise ihren Tiefstpunkt. Er hatte das so „enge, bornierte“ Leben in Deutschland satt. Alle Bemühungen scheinen vergeblich, Ziele unerreichbar. 1924 verlässt er Deutschland, um als freier Journalist nach Paris zu gehen. Dort lebt er unter dem AP-Halbsextil zur Venus wieder auf und schwärmt vom Zauber von Paris, von den höflichen, hilfsbereiten und kultivierten Menschen dort. Er wird künftig nur noch für kurze Aufenthalte in das ungeliebte Deutschland zurückkehren.

Im Jahr 1929, mit 39 Jahren, veröffentlicht Tucholsky das Buch „Deutschland, Deutschland über alles“. Es ist wie eine letzte Sammlung seiner Kräfte, um gegen den in Deutschland heraufziehenden Sturm, die „braune“ Gefahr anzukämpfen. Das Buch – ein eindringlicher Rückblick auf zehn Jahre „zufällige Republik“, eine „Demokratie ohne Gebrauchsanweisung“ – findet große Resonanz, positiv wie negativ, doch während einer Lesereise durch Deutschland wird Tucholsky klar: „Um mich herum verspüre ich ein leises Wandern. Sie rüsten zur Reise ins Dritte Reich.“ Die Gleichgültigkeit des Publikums, seine Ratlosigkeit, Bequemlichkeit und Mittelmäßigkeit gibt Tucholsky den „Knacks seines Lebens“. Mit Bitterkeit stellt er fest, dass „Kerle wie Mussolini oder der Gefreite Hitler nicht so sehr von ihrer eignen Stärke leben wie von der Charakterlosigkeit ihrer Gegner“, womit er das deutsche Volk meinte, das mit Hilfe der politischen Rechten die „Schmach des Versailler Vertrages“ tilgen und eine Revanche für den verlorenen Krieg suchte. Er will nicht mehr. Der Alterspunkt wechselt in das Zeichen Fische und steht nun in Opposition zu Saturn – die Realitäten scheinen unausweichlich, unüberwindlich. Resignation macht sich breit, Tucholsky zieht sich allmählich aus dem Tagesjournalismus zurück.

Doch er versucht es noch einmal mit der Pflege der „schönen Literatur“. Beim AP-Quadrat zu Pluto im Jahre 1930 zieht Tucholsky offiziell nach Schweden. Während des AP-Halbsextils zu Merkur und Sextils zu Venus entsteht dort die Sommergeschichte „Schloss Gripsholm“, die in Europa ein großes, positives Echo findet. Im Berliner Tageblatt wird das Buch beworben als „ein Reisebuch nach Schweden, voll von frischer Luft, Liebe, Freundschaft, Mitleid und klarem Weltblick“.

Am 30. Januar 1933 übernehmen die Nationalsozialisten in Deutschland endgültig die Macht. Tucholskys Bücher werden verbrannt, sein Vermögen in Deutschland beschlagnahmt, er selbst ausgebürgert und wegen des dringenden Verdachts des Landesverrates zur sofortigen Festnahme ausgeschrieben. Tucholsky, der nun in seinen letzten Lebensjahren zwischen Schweden und der Schweiz hin- und herpendelt, verstummt mehr und mehr, während des AP-Sextils zur Sonne/Jupiter-Konjunktion schreibt er in einem Brief: „über den großen Knacks meines Lebens komme ich nicht hinweg: dass ich mich in der menschlichen Natur so schwer getäuscht habe: ich hatte von Deutschland nie etwas andres erwartet, wohl aber von den andern. Und von denen auch wieder keinen Krieg, sondern eine klare und gesunde Abkehr von diesem Misthaufen, und vor allem: vor den Pulverfässern, die darunter liegen. Darin habe ich mich getäuscht, und nun mag ich nicht mehr.“

Die kommenden zwei Jahre sind geprägt von einem Schwanken zwischen vorsichtigen Hoffnungen, zaghafter Mobilisierung alter Kräfte und schließlich resignativer Abstürze (AP in Fische). Kurz vor dem AP-Übergang in das kardinale Feuerzeichen Widder, am 21. Dezember 1935, stirbt Tucholsky an einer Überdosis Schlaftabletten – ob Selbstmord, Unfall oder Mord konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Manches spricht für Selbstmord, spielte Tucholsky doch schon seit vielen Jahren mit diesem Gedanken. In seinen Tagebüchern notierte er einmal: „(Selbstmord) Er ist vor sich selbst weggelaufen – nun hat er sich eingeholt“ oder „Er ging leise aus dem Leben fort, wie einer, der eine langweilige Filmvorführung verlässt, vorsichtig, um die anderen nicht zu stören.“

Vielleicht nahm Tucholsky auch einfach aus Versehen zu viele Schlaftabletten mit seinem geliebten Rotwein ein. Der Alterspunkt an der kosmischen Spalte deutet auf ein rätselhaftes, aber auch sanftes Entschwinden in die andere Welt.

„Wenn ich jetzt sterben müsste, würde ich sagen: „Das war alles?“
Und: „Ich habe es nicht so richtig verstanden.“
Und: „Es war ein bisschen laut.“

 

 

 

 

Literatur aus dem Rowohlt-Verlag:

Kurt Tucholsky: Rheinsberg
Schloss Gripsholm
Das Pyrenäenbuch
Zwischen Gestern und Morgen
Schnipsel
Michael Hepp: Kurt Tucholsky: Biographische Annäherungen
Kurt Tucholsky: rororo-Monographie


Erschien im Dezember 2002 im Astrolog – Zeitschrift für Astrologische Psychologie Nr. 125

© B. Braun (2002)