Ich – Selbst – Bewusstsein

Der Psychoanalytiker Erich Neumann prägte im 20. Jahrhundert den Begriff der Zentroversion:

„Das Selbst als Aufgang und Untergang der Persönlichkeit, als Mitte („unerreichbarer psychischer Atomkern“), um die das mystische Ich „leidend herumgeschleudert wird“.

Das Selbst ist der Ausgangspunkt unserer Bewusstseinsentwicklung. Aus diesem Selbst heraus scheint das Ich zu entstehen, dabei unterschiedliche Facetten ausbildend, die in der Summe unsere Persönlichkeit bilden.

Astrologisch steht am Anfang der seelischen Entwicklung der Planet Neptun, dem unmittelbar der Mond folgt. Beides sind Fähigkeiten, die uns für die Welt, für das Gegenüber öffnen. Dann braucht es die Erfahrung eines Schließmechanismus: die Möglichkeit, eine Grenze zu ziehen zwischen mir und dem Gegenüber => Saturn. Und schließlich die Erfahrung, dass ich autonom wählen kann zwischen Öffnen und Schließen. Die Sonne ist die Ich-Instanz im Horoskop, die uns über uns selbst nachdenken lässt. Wir betrachten uns in Gedanken (Mental-Ebene) und erkennen uns selbst. Diese Selbst-Erkenntnis gibt uns die Möglichkeit, eine Wahl zu treffen: ob wir uns in einer gegebenen Situation zum Beispiel öffnen möchten, also den Mond oder Neptun als Werkzeug benutzen, oder ob wir uns abgrenzen möchten, mit Saturn der Umwelt gegenüber „zu“ machen. Oder ob wir etwas ganz anderes machen möchten.

Es gibt in uns also eine Instanz, die wählen kann. Sorgfältige und ausdauernde Selbstbetrachtung offenbart uns den „inneren Beobachter“. Der Kreis in der Horoskopmitte ist ebenfalls Symbol für einen „inneren Beobachter“. Er steht für das, was Erich Neumann vermutlich unter dem „unerreichbaren psychischen Atomkern“ verstand.

Sehr viele Menschen sind sich heutzutage überhaupt nicht bewusst, dass sie einen „inneren Beobachter“ haben, im Grunde der „innere Beobachter“ sind! Wir neigen automatisch zu Meinungen, Beurteilungen, dem Einnehmen einer Position und der Identifikation mit unserer Meinung. Der „innere Beobachter“ an sich hat keine Meinung, er urteilt nicht. Er ist schlichtes wahrnehmendes Bewusstsein. Das wahrnehmende Bewusstsein ist das Zentrum, aus dem das Ich hervorgeht.

Es hat den Anschein, dass insbesondere die psychologischen Funktionen des Planeten Neptun mit diesem „wahrnehmenden Bewusstsein“ korrelieren. Die einzelnen Planeten des Horoskops sind „Umschreibungen“ der Haltungen und Meinungen, die das Bewusstsein einnehmen kann. Eine Haltung einnehmen bedeutet im Grunde, sich mit ihr in einem gegebenen Moment zu identifizieren (eine Neptun-Fähigkeit). Das Selbst im Sinne des Wesenszentrums der Kreismitte „schlüpft“ als Ich in die Rolle eines der Planeten. Wenn wir die Identifikation zurücknehmen, d.h. uns von der Rolle des Planeten „disidentifizieren“, können wir wieder in die Position des inneren Beobachters zurückkehren. Aus dessen Position heraus sind wir in der Lage, eine bewusste, von unbewussten Impulsen freiere Wahl zu treffen.

Zu Beginn unseres Lebens bis in die erste Lebenshälfte hinein lernen wir, ein funktionierendes Ich aufzubauen, das offen und begegnungsfähig sein kann (Mond), das sich seines Körpers bewusst ist, ihn ernährt und schützt und sich abgrenzen kann (Saturn), und das autonome Willensentscheidungen (Sonne) treffen kann. Diese Funktionen sind wichtig, um in der Welt bestehen zu können und um uns selbst zu erhalten, denn ein wesentlicher Antrieb im Leben ist die Selbsterhaltung. Diese drei Ich-Instanzen bzw. Rollen, das Denk-, das Gefühls- und das Körper-Ich (Sonne, Mond, Saturn), lernen wir in unserer Kindheit kennen und üben ihre Anwendung ein. In diesem Lernprozess werden wir wesentlich von unseren Eltern und unserer Familie geprägt. In der zweiten Lebenshälfte (etwa ab Mitte 30) meldet sich zunehmend das Selbst im Sinne des Kreises in der Horoskopmitte – unser eigentlicher Ursprung – zu Wort. Es strebt die Integration der bis dahin ignorierten und abgespaltenen Teile des Ichs in die übergeordnete Ganzheit des Selbst an.

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