Guna

Die drei Gunas:
Sattva, Rajas und Tamas

Sowohl die Wissenschaft vom Leben Ayurveda (die traditionelle indische Heilkunst) als auch die Wissenschaft vom Licht Jyotish (die vedische Astrologie) beruhen neben anderen indischen Philosophien auf dem Shankya-Yoga des mythologischen indischen Weisen Shri Kapiladeva. Der Shankhya-Yoga (auch Sankhya oder Samkhya-Yoga) ist der Weg der Analyse von Körper, Seele und Bewusstsein, um den Unterschied von Materie und Bewusstsein zu verstehen, zu verinnerlichen und dadurch das reine Bewusstsein in sich zur Entfaltung zu bringen.

Shri Kapiladeva formulierte u. a. die zwei grundlegenden Elemente des Universums: Purusha und Prakruti. Purusha ist die männliche und Prakruti die weibliche Energie, die beide von Avyakta, dem Unmanifestierten, umfangen werden. Purusha ist nicht manifest, ohne Eigenschaften, ohne Form oder Farbe. Purusha ist die passive, nicht wählende Bewusstheit jenseits von Raum und Zeit, Ursache und Wirkung. Prakruti hingegen hat Form, Farbe und Eigenschaften. Prakruti ist die wählende Bewusstheit, das Eine, das zum Vielen werden will. Purusha ist reine Energie, die Prakruti aktiviert. Prakruti erschafft alle Formen im Universum, während Purusha Zeuge dieser Schöpfung ist. Das Universum wird aus dem Leib von Prakruti geboren, daher können wir Prakruti auch als die göttliche Mutter bezeichnen.

Die erste Manifestation aus dem Leibe Prakrutis ist die Kosmische Intelligenz: Mahad bzw. Budhi. Aus Budhi entsteht wiederum das Ego im Sinne des abgegrenzten Ich-Bewusstseins: Ahamkara.
Das Ego „Ahamkara“ besitzt nun drei verschiedene Grundqualitäten: die Gunas

Sattva, Rajas und Tamas.

Mittels Sattva manifestiert sich das Ego in die fünf Sinne, den „Tammatras“ (Organe der Wahrnehmung), und in die fünf motorischen Organe (Organe der Tätigkeit). Dadurch entsteht das organische Universum. Durch Tamas manifestiert sich das Ego in die fünf Grundelemente, den „Bhujas“ (Äther, Luft, Feuer, Wasser, Erde), wodurch das anorganische Universum entsteht (und im Weiteren die drei Doshas Vata, Pitta und Kapha, die wir aus dem Ayurveda kennen). Rajas ist schließlich die aktive, vitale Lebenskraft, die Sattva oder Tamas in Bewegung setzen kann. Sattva ist das schöpferische Potential und entspricht dem göttlichen Aspekt Brahma, Rajas ist die erhaltende und schützende Kraft entsprechend Vishnu, Tamas ist eine potentiell zerstörerische Kraft, dem göttlichen Aspekt Mahesha (Shiva) entsprechend.

Sattva ist das Prinzip der Reinheit, Harmonie und der Ausgeglichenheit. Es ist die Qualität der Intelligenz, der Tugend und Güte, die Gleichgewicht verleiht. Die Kraft der Liebe, die alle Dinge vereint, die Klarheit und der Friede.

Rajas verkörpert Aktivität, Ruhelosigkeit und Unstetigkeit. Es ist die Qualität der Energie, die Ungleichgewicht verursacht. Rajas ist immer auf der Suche nach einem Ziel, das Antrieb geben kann. Es ist die Kraft der Leidenschaft, die auf Dauer jedoch Kummer und Auseinandersetzung hervorruft.

Tamas ist das Prinzip der Trägheit, Dunkelheit und Passivität. Es bewirkt Unwissenheit und Selbsttäuschung im Geist, verlangsamt und erfüllt mit Schwere. Es ist das Prinzip des Unbewusstseins und der Stofflichkeit, die unser Bewusstsein verhüllen.

Krishna (eine Manifestation des Gottesaspekts Vishnu) erläutert diese drei Prinzipien dem tapferen Krieger Arjuna in der Bhagavad Gita wie folgt:

„Güte (Sattva), Leidenschaft (Rajas) und Finsternis/Schwere (Tamas), das sind die aus der Materie hervorgegangenen Qualitäten. Sie fesseln (…) im Leibe die unvergängliche Seele.

Dort ist die Güte (Sattva) wegen ihrer Fleckenlosigkeit leuchtend und leidlos, (aber) durch das Hängen am Glück wie auch durch das Hängen am Wissen fesselt (auch) sie (…)!

Die Leidenschaft (Rajas) erkenne als von begehrlicher Natur, als Ursprung von Durst und Anhaften. Sie fesselt (…) durch Anhaften an der Tat die Seele.

Finsternis (Tamas) wiederum erkenne als aus Nichtwissen entstanden, als Betörer aller Seelen. Durch Nachlässigkeit, Faulheit und Schlaf fesselt sie (…)!

Güte (Sattva) lässt am Glück hängen, Leidenschaft (Rajas) an der Tat (…); nachdem sie das Wissen umhüllt, lässt Finsternis (Tamas) jedoch an der Nachlässigkeit hängen.
Nach der Überwindung von Leidenschaft (Rajas) und Finsternis (Tamas) entsteht Güte (Sattva).“
(Kap. 14, Vers 5-10).

Das Ziel der Entwicklung in der Shankya Philosophie ist nicht eine Ausbalancierung der drei Gunas im menschlichen Wesen oder gar eine ausschließliche Betonung von Sattva, sondern die Überwindung aller drei Gunas durch Nichtanhaften soll das Ziel menschlichen Strebens sein: „Der Mensch, der diese drei den Körper erzeugenden Qualitäten überwunden hat, und von Geburt, Tod, Alter und Leid erlöst ist, erlangt Unsterblichkeit.“ (Kap. 14, Vers 20).

Auf Nachfrage Arjunas beschreibt Krishna einen solchen Menschen mit folgenden Worten:

„Wenn er das Licht und die Tätigkeit ebenso wie die Betörung (…) nicht hasst, wenn sie entstanden, nicht wünscht, wenn sie verschwunden sind –
wenn er, gleichmütig zu den Qualitäten sich verhaltend, nicht bewegt wird, wer, „Die Qualitäten wirken!“ (denkend), fest steht (und) nicht wankt –
dessen Zustand in Leid und Freud gleichmütig ist, dem ein Erdklumpen, ein Stein und Gold gleich wert sind, dem Liebes und Unliebes gleichviel bedeuten, der Gefestigte, dem Tadel und Lob das gleiche sind –
dem Ehre und Schande gleichviel bedeuten, der sich gleich verhält zum Freund und zur feindlichen Partei, alle Unternehmen aufgebend, der wird als über die Qualitäten hinaus geschritten bezeichnet.
Und wer mich mit unbeirrbarer Hinneigung verehrt, der überwindet die Qualitäten und wird fähig zum Brahmawesen.
Des Brahman Grundlage bin ja ich, des unsterblichen und vergänglichen, sowie des ewigen Weltgesetzes und des ausschließlichen Glücks.“
(Kap. 14. Vers 22-27).

Die drei Gunas prägen mit ihren Qualitäten das, was auf einer geistigen Ebene geschieht und sich konsequenterweise auf der physischen Ebene manifestiert. Sie kommen beim Menschen in Form einer geistigen Einstellung zum Ausdruck, die uns das Leben in einer bestimmten Weise sehen lässt. Der Begriff „Geist“ entspricht in der vedischen Philosophie unserem Begriff Bewusstsein, genauer dem Bewusstsein, das auf die Außenwelt ausgerichtet ist: das, was in uns wahrnimmt bzw. die Sinneswahrnehmungen verarbeitet. Die indischen Astrologen ordnen diese Fähigkeit dem Mond zu. Der Mond entspricht in der vedischen Astrologie inhaltlich dem Sanskrit-Begriff „Manas“, dem Geist im Sinne des englischen Wortes „mind“, während die Sonne das unsterbliche Selbst, die Seele, der göttliche Funken, Atma, ist. Da uns Menschen die alltägliche Wahrnehmungsfähigkeit des Geistes näher liegt als das innerste Wesenszentrum, konzentrieren sich die Astrologen in Indien stärker auf den Mond, während wir Astrologen in der westlichen Hemisphäre die Sonne in den Mittelpunkt rücken.

Die Sonne benötigt für einen Durchgang durch ein Tierkreiszeichen von 30 Grad einen Monat. Der Mond durchschreitet den Tierkreis pro Tag um rund 13 Grad. Die indischen Astrologen würdigen diese tägliche Bewegung des Mondes, indem sie bei der Beurteilung eines Horoskops neben den zwölf Zeichen auch die Nakshatra, die Mondhäuser, einbeziehen. Der Tierkreis besteht aus 27 Nakshatra entsprechend dem 27tägigen siderischen Mondumlauf. Ein Nakshatra ist 13°20’ groß. Die Mondhäuser entwickelten sich aus der direkten Anschauung des Sternenhimmels, sie basieren daher auf dem siderischen Tierkreis, auf dessen Grundlage in Indien Horoskope berechnet werden.

Die Nakshatra sind mit dem Mond, dem Geist (Mentalität) und Bewusstsein verknüpft. Es ist daher nahe liegend, die Qualitäten der drei Gunas mit den Nakshatra in Beziehung zu bringen. Eine allgemeine Deutungsregel lautet, dass die Verteilung der Planeten in den Nakshatra der Verteilung der drei Gunas im Bewusstsein entspreche.

Die 27 Nakshatra werden den drei Gunas auf drei Ebenen gemäß untenstehender Tabelle zugeordnet. Jedes Nakshatra wird gleichzeitig von einem der sieben klassischen Planeten und Mondknoten beherrscht. Ketu ist der Sanskritname für den absteigenden Mondknoten, Rahu ist der aufsteigende Mondknoten.

Die Planeten selbst werden ebenfalls den drei Gunas zugeordnet:

So gesehen sind die von Sonne, Mond und Jupiter beherrschten Nakshatra von Sattva-Qualität, die von Merkur und Venus beherrschten von Rajas-Qualität und die von Mars, Saturn, Rahu und Ketu beherrschten Nakshatra von Tamas-Qualität. Wir müssen daher nur noch untersuchen, welche Nakshatra von den klassischen sieben Planeten und Mondknoten besetzt sind (die geistigen Planeten werden nicht berücksichtigt), und sehen so die ungefähre Aufteilung der drei Gunas als Anlage in unserem Bewusstsein.

Bepin u. Madhuri Behari: Introduction to Esoteric Astrology